Das muss man rund um das abstehende Schulterblatt wissen ...

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Die

Scapula

alata



von: Dr. med. Roland Sistermann


Scapula, Skapula, alata, Schulterblatt, abstehend


Inhaltsverzeichnis:

1. Definition

2. Entstehung

3. Beschwerden

4. Behandlung




1. Was ist eine Scapula alata ( Definition ) ?
Unter dem Begriff "Scapula" versteht der Mediziner das Schulterblatt. Der Begriff "alata" ist dem Lateinischen entlehnt. Hier bedeutet "ala" soviel wie "der Flügel ". Man versteht unter einer " Scapula alata ", dass eines - oder beide - Schulterblätter flügelartig vom Brustkorb ( Thorax ) abstehen. Man spricht umgangssprachlich auch von "Engelsflügel(n).

Von der Scapula alata muss man das "schmerzhafte Schulterblattkrachen" abgrenzen. Dabei ist schnappt / kracht / reibt das Schulterblatt, verbunden mit Schmerzen. Es steht aber kaum bzw. gar nicht ab.
Letztendlich ist der Begriff "Scapula alata" ein Symptom, also ein Zeichen hinter dem verschiedenste Erkrankungen stehen können. Oder anders ausgedrückt: Das abstehende Schulterblatt ist als die Spitze des Eisberges zu verstehen. Die Wurzel des Übels kann vielfältig sein. Deshalb lohnt es ich den nächsten Abschnitt über die Ursachen zu lesen.


2. Wie entsteht eine Scapula alata ( Ätiologie ) ?
Am häufigsten tritt diese Erkrankung unvermittelt - ohne jegliche Vorzeichen - auf. Dem Partner, Elternteil, Angehörigen, Freunden fällt mit einem Mal das abstehende Schulterblatt auf. In solchen Fällen bleiben die Gründe im Dunkeln. Eine "Scapula alata" kann körperbaubedingt auftreten ( sog."leptosomer Habitus" ). Nun könnte man meinen, dass es nicht so schlimm sei und man lebt einfach damit. Grundsätzlich ist der Gedanke richtig, aber es können sich hinter einer solchen "Scapula alata" manche unangenehme Erkrankungen verbergen. Diese gilt es ärztlich auszuschließen / zu erfassen und bei Bedarf gezielt zu behandeln.

So kann ein solches abstehendes Schulterblatt bei Muskelerkrankungen ( sog. progressive ( Duchenne ) Muskeldystrophie, Gliedergürteldystrophie oder fazioscapulohumerale Muskeldystrophie ) auftreten.
Eine Scapula alata kann auch durch Lähmung der schulterblattführenden Muskulatur ( Serratuslähmung, Trapeziuslähmung, Lähmung der Rhomboidei Muskulatur ) ) auftreten.

Sehr selten können Tumore des Schulterblattes oder der Brustkorbwand das Schulterblatt nach außen drücken und dieses flügelartig abstehen lassen.

Auch kann beispielsweise ein Rucksack oder ähnlicher Gegenstand den eng am Brustkorb liegenden langen Nerven ( N. thoracicus longus ) abquetschen. Der Nerv ist blessiert und der von ihm versorgte Muskel ( Serratusmuskel ) kann nicht mehr genügend das Schulterblatt an der ursprünglichen Position halten, Folge: Es steht ab.

Das Gleiche gilt auch für eine Verletzung / Schaden am Accessoriusnerven. Der kann zum Beispiel nach einer Entnahme von Gewebeproben im Nacken ( sog. Lymphknotenbiopsie ) oder HNO-Operationen ( sog. Neck dissection ) auftreten. Dadurch entsteht ein abstehendes Schulterblatt, weil der anhängende Trapeziusmuskel gelähmt ist und das Schulterblatt einen Teil seiner Führung verliert. Bei der einer Lähmung des Accessoriusnerven sind vor allem auch Gehirnprozesse mittels eines CT oder MRT auszuschließen. In solchen Fällen einer Accessoriuslähmung ist also nicht nur die Vorstellung bei einem Orthopäden, Schulterspezialisten angesagt, sondern Teamarbeit.
Ist der Nervus dorsalis scapulae verletzt / erkrankt, entsteht eine Lähmung der Rhomboideimuskeln und das Schulterblatt steht entsprechend ab.
Auch Infekte können zu einer Scapula alata führen.
Eine seltene und angeborene Ursache eines abstehenden Schulterblattes ist die Sprengelsche Deformität. Dabei steht das Schulterblatt aber mehr hoch als ab, wenn man es von hinten betrachtet.
Auch andere neurologische Erkrankungen, wie eine neuralgische Schulteramyotrophie, können hinter dem abstehenden Schulterblatt stecken.


3. Was merkt man bei einer Skapula alata ( Symptome ) ?
Typisch ist das abstehende Schulterblatt, das dem Patienten selbst ( z.B. im Spiegel ) auffällt. Einzelne Patienten beschreiben, das ihnen das Stemmen des Armes gegen die Wand oder Liegestützübungen schwer fallen / unmöglich sind. Das Anstehen des Schulterblattes kann mit oder ohne Schmerzen einhergehen.

Serratus anterior Lähmung: Der Innenrand des Schulterblattes steht ab. Bei Liegestützen springt das Schulterblatt mit seinem Innenrand umso mehr hervor. Wird der gestreckte Arm nach vorne geführt, verstärkt sich das Abstehen des innenseitigen Schulterblattrandes.

Trapeziuslähmung: Die Armabspreizung zur Seite ist deutlich behindert. Man bekommt den Arm seitlich nicht hoch. Das Schulterblatt bewegt nach oben. Das Abstehen des Schulterblattes verstärkt sich, wenn der gestreckte Arm zur Seite geführt wird.

Rhomboideilähmung: In Ruhe steht das Schulterblatt weiter außen als das gesunde der Gegenseite.


4. Wie behandelt man eine Skapula alata ( Therapie ) ?
Leitlinien zur konservativen oder operativen Behandlung führt die Scapula alata bestehen nicht.

Wenn schwerwiegendere Erkrankungen ausgeschlossen sind und keine Schmerzen bestehen, kann man die Situation beobachten. In der Regel ist dann keine Therapie notwendig, aber eine Beobachtung durch den behandelnden Arzt.

Auch bei einer Serratuslähmung wird man sich anfänglich zu einem konservativen Vorgehen entscheiden, die Möglichkeit der Behandlung mit einer speziellen Bandage ( für 3-6 Monate, 24 Std täglich ) besteht. Falls das nicht hilft, kann man das schmerzhaft abstehende Schulterblatt mittels eines Muskelversatzes ( sog. Pectoris major Transfer ) stabilisieren und wieder zu einem stabilen Laufverhalten bringen.

Bei einer Accessoriuslähmung kann man nach deren Abklärung und Ausschluss von Gehirnprozessen, wenn die Schmerzen über viele Monate oder Jahre bestehen und man darunter leidet, einen Muskelversatz durchführen. Dazu sind beispielsweise die Operation nach Eden-Lange oder andere geeignet.

Erwischt man die Lähmung des Accessoriusnerven oder des Nervus thoracicus longus früh ( in den ersten Monaten ), gibt es auch die Möglichkeit zu einer Nerventransplantation.

Liegt ein Tumor vor, dann wird es in aller Regel auf eine operative Entfernung, ggf mit einer Chemotherapie und / oder Bestrahlung hinauslaufen.

Entdeckt man eine Form der Muskeldystrophie, so ist ein Nervenarzt / Neurologe ( fachneurologische Betreuung ) gefragt.

Liegt eine Druckschädigung eines Nerven vor, so ist die Spontanheilungsrate gut.


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Wissenschaftliche Literatur:
1. Meininger AK, et al, Scapular winging: an update, J Am Acad Orthop Surg, 19(8):453-462, 2011
2. Gooding BW, et al, Scapular winging, Shoulder Elbow, 6(1):4-11, 2014
3. Mummery CJ, et al, Scapular fixation in muscular dystrophy, Cochrane Database Syst Rev, 2003
4. Wiater JM, et al, Long thoracic nerve injury, Clin Orthop RElat Res, 368:17-27, 1999
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