Selten, aber wichtig - allles rund um die Humeruskopfnekrose

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Die
Humeruskopfnekrose



von: Dr. med. Roland Sistermann


Humeruskopfnekrose, Oberarmkopfnekrose

Bei der Humeruskopfnekrose stirbt der Knochen des Oberarmkopfes ab ( rechts )



Inhaltsverzeichnis:

1. Definition

2. Beschwerden

3. Entstehung

4. Typen

5. Natürlicher Verlauf

6. Diagnostik

7. Behandlung

8. Prognose

9. Nachbehandlung




1. Was ist eine Humeruskopfnekrose ( Definition ) ?
Unter der Humeruskopf- oder Oberarmkopfnekrose versteht man das Absterben des Knochens vom Oberarmkopf - oft aus unbekannten Gründen und in unterschiedlichem Ausmass. Infolgedessen wird der Knochen des Oberarmkopfes weich und in der Belastungszone weniger tragfähig. Das führt dazu, dass die Oberfläche und der Knorpel an der Oberfläche des Oberarmkopfes sich - unterschiedlich stark - deformieren. Derart geht das Gelenk kaputt.



2. Was merkt man bei einer Humeruskopfnekrose ( Symptome ) ?
Fast alle Patienten, die von dieser Erkrankung / Verletzungsfolge betroffen sind, spüren im Anfangsstadium leichte Schmerzen in der betroffenen Schulter oder Oberarm. Der Schmerz nimmt über Wochen und Monate langsam immer mehr zu. Er wird in der Schulter oder im Oberarm empfunden und quält die Betroffenen auch nachts. Durch die schmerzverursachende Schonhaltung kann sich im Laufe der Zeit eine Bewegungseinschränkung der Schulter bis hin zur Schultersteife ausbilden. Ein Knacken und / oder Reiben kann ausnahmsweise einmal auftreten. Meistens ist die Erkrankung dann aber schon weiter fortgeschritten.



3. Wie entsteht eine Humeruskopfnekrose ( Ätiologie ) ?
Hinsichtlich der Entstehung kann man zwischen den unfallbedingten Nekrosen und der nicht-traumatischen Erkrankung unterscheiden.

Die genaue Ursachenkette ist bis heute nicht geklärt. Liegt ein Bruch des Obermkopfes - mit einer Zerstörung der Blutgefässversorgung - vor, ist die Ursache klar.

In vielen Fällen findet sich aber kein Unfall in der Vorgeschichte. Ein gewisser Teil der Patienten musste Cortison einnehmen oder leidet an Stoffwechselstörungen. Stickstoffembolien - wie sie beim Tauchen vorkommen ( sog. " Caissonkrankheit " ) - spielen zahlenmässig eine weit untergeordnete Rolle. Ganz häufig bezeichnet der Fachmann die Oberarmkopfnekrose als " idiopathisch ", was bedeutet, dass die Ursache ungeklärt ist.

Neuere Forschungsansätze lassen Störungen in der Blutgerinnung vermuten, wobei man zunehmend zu der Einschätzung gelangt, dass das Zusammenwirken von mehreren Faktoren die Entwicklung der Humeruskopfnekrose startet.

Auch bei Chemotherapien im Rahmen der Behandlung von Tumoren oder bei Nierenerkrankungen kann es zur Ausbildung von Nekrosen, am Oberarmkopf oder andernorts, kommen



4. Welche Typen der Humeruskopfnekrose gibt es ?
Anstelle des Begriffes "idiopatisch" spricht man auch von einer "primären" Oberarmkopfnekrose. Davon unterscheiden sich die sekundären Humeruskopfnekrosen, welche im Rahmen einer anderen Erkrankung nachfolgend, also sekundär als zweites, entstehen. Dazu zählen z. B.: der Diabetes mellitus ( Blutzuckerkrankheit ), Schwangerschaft, Strahleneinwirkungen, hohe Harnsäure- ( Gicht ) oder Bluttfettwerte, Kortison, Alkohol ( u.U. in Kombination mit einer Nikotineinwirkung / Rauchen), Blutbilderkrankungen, Morbus Gaucher und Bauchspeicheldrüsenentzündungen.



5. Natürlicher Verlauf der Humeruskopfnekrose:
Unbehandelt erweicht der Knochen infolge der Durchblutungsstörung im Oberarmkopf immer weiter. Das bedeutet, er wird weniger tragfähig und seine Oberfläche sackt ein. Sie deformiert sich. Folglich läuft das Schultergelenk nicht mehr rund, es kommt zu Abrieb des Knorpels / Knochens in der Schulter. Das führt dazu, dass sich meistens die Schmerzen in der Schulter im Laufe der Zeit und mit zunehmender Humeruskopfnekrose verschlimmern. Im Röntgen oder CT / Kernspintomogramm kann man die zunehmende Entrundung des Oberarmkopfes und Verschmälerung der Schulterhauptgelenkspaltes erkennen. In weiterer Folge wird das Schultergelenk immer steifer und die Zerstörung und Schmerzen in der Schulter derart deutlich, dass ein der Einbau eines künstlichen Schultergelenkes ( Schulterprothese ) notwendig wird.



6. Wie erkennt man eine Humeruskopfnekrose ( Diagnostik ) ?
Humeruskopfnekrosen werden oft spät erkannt, wenn die Zerstörung des Oberarmkopfes schon weit fortgeschritten ist. Das liegt an der Konstruktion der Schulter. Die Schulter ist verhältnismässig gut belastbar und die Schulterpfanne wie auch der Oberarmkopf halten grosse Verformungen und Knochen- / Knorpelverluste aus, bis es zu Problemen / Schmerzen, et cetera, kommt.
Als Standardverfahren gilt die Röntgenaufnahme der Schulter. Sie stellt die Nekrose gut dar, aber regelmässig im fortgeschrittenen Stadium. Die Röntgendiagnostik kann die gerade so wichtige Erfassung der Oberarmkopfnekrose in der Frühphase nicht leisten.


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Typisches Röntgenbild einer fortgeschritteneren Humeruskopfnekrose.



Typischerweise wird die Frühdiagnostik mittels der Kernspintomographie durchgeführt. Sie hat sich hier als Diagnostikverfahren etabliert.
Die Computertomographie ( CT ) kann zur OP Planung und dreidimensionalen Auswertung des Ausmasses der Nekrose eingesetzt werden oder auch zur Abklärung, ob die Oberfläche des Oberarmkopfes u.U. schon eingebrochen und nicht mehr tragfähig ist.
Von eher untergeordneter Bedeutung und Spezialfällen vorbehalten ist die Szinitgrafie. Die Knochendichtemessung spielt in der Diagnostik der Humeruskopfnekrose keine wesentliche Rolle.

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Kernspintomogramm, Schulter frontal: Humeruskopfnekrose / weisse Pfeile )





7. Wie behandelt man eine Humeruskopfnekrose ( Therapie ) ?
Die Möglichkeiten der nicht-operativen Behandlung der Oberarmkopfnekrose sind begrenzt. Die Physiotherapie und physikalische Therapie können allenfalls als Begleitverfahren eingesetzt werden. Das Gleiche gilt für Entzündungshemmer und die Elektrostimulation. Die hyperbare Sauerstofftherapie ( Druckkammerbehandlung ) hat keine festen Stellenwert in der konservativen Behandlung der Humeruskopfnekrose.

Bei frühzeitiger Erkennung kann der Oberarmkopf operativ angebohrt werden. In der Frühphase findet sich im absterbenden Bereich des Oberarmkopfes ein erhöhter Druck im Knochen. Durch eine Anbohrung ( auch Core decompression oder Kerndekompression genannt ) erreicht man eine Druckentlastung und damit einhergehend eine Schmerzbefreiung für den Patienten sowie eine Erholungsmöglichkeit für das Knochengewebe. In wissenschaftlichen Studien werden Erfolgsraten der Kerndekompression bei 40 bis 90% der Patienten angegeben - immer unter der Voraussetzung, dass die Nekrose des Oberarmkopfes in einem frühen Stadium ( Stadium 1 und 2 von 5en ) erkannt wird. Ab Stadium 3 sinkt die Erfolgsrate auf etwa 50%. In weiter fortgeschrittenen Fällen kann die Kerndekompression den Kollaps des Oberarmkopfes nicht mehr verhindern. Die Kerndekompression kann auch arthroskopisch unterstützt durchgeführt werden.


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Kerndekompression ( sog. Core decompression ) des Oberarmkopfes bei Humeruskopfnekrose
- ein Erhaltungsversuch im Frühstadium der Erkrankung.



Bei weiter fortgeschrittenen Humeruskopfnekrosen, mit einem entsprechenden Leidensdruck, ist die Versorgung mit einem künstlichen Gelenk die Wahl. Dazu verwendet man regelmässig sog. Cups ( auch Kappenprothesen genannt ). Sie überkleiden - gewissermassen wie eine Krone über einem Zahn - den Oberarmkopf. Alternativ kommt auch eine schaftfreie Prothese infrage oder ggf. eine Kurzschaftprothese. Das ist letztendlich eine Entscheidung im Einzelfall. Der Zustand - und ggf. zwischenzeitliche Mitbeteiligung der Schulterpfanne - spielt bei dieser Entscheidung auch eine Rolle.


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Schaftfreie Prothese: Es wurde ausschliesslich die zerstörte Oberfläche des Oberarmkopfes ersetzt.



8. Wie ist die Prognose einer Humeruskopfnekrose ?
Unbehandelt mündet der Verlauf der Oberarmkopfnekrose in einer Zerstörung und Deformierung des Oberarmkopfes.
Aufgrund der Durchblutungsstörung erweicht der Knochen und ist nicht mehr tragfähig genug. Der Knochen verformt sich und der Oberarmkopf entrundet. Das führt schlussendlich zu einem Verschleiss im Schulterhauptgelenk - mit entsprechendem Reiben, Schmerzen, Gebrauchsunfähigkeit und Bewegungseinschränkung.


9. Nachbehandlung einer operierten Humeruskopfnekrose:
Die Rehabilitation hängt vom gewählten operativen Therapieverfahren ab. Nach einer Anbohrung dürfen die Schulter und der betroffene Arm unmittelbar danach aktiv - beschwerdeangepasst - bewegt werden.
Wird der Einbau eines künstlichen Schultergelenkes vorgenommen, muss für einen Zeitraum von etwa 3 bis 5 Wochen eine Schiene getragen werden. Näheres dazu erfahren Sie hier.


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Röntgen rechte Schulter frontal: Humeruskopfnekrose ( weisse Pfeile ).



Gleiche / Ähnliche Begriffe ( Synonyme ):
Oberarmnekrose, HKN, Humerusnekrose, Oberarmkopfnekrose, Kopfnekrose, Osteonekrose


Wissenschaftliche Literatur:
1. Harreld KL, et al, Osteonecrosis of the humeral head, J Am Acad Orthop Surg, 17(6):345-355; 2009
2. Gruson Kl, et al, Atraumatic osteonecrosis of the humeral head, Bull NYU Hosp Jt Dis, 67(1):6-14; 2009
3. Hassan, SS, et al, Nontraumatic osteonecrosis of the humeral head; J Should Elbow Surg, 11(3):281-298; 2002
4. McKee MD, Atraumatic osteonecrosis of the humeral head, J Rheumatol, 27(7):1582-1584; 2000
5. Loebenberg MI, et al, Osteonecrosis of the humeral head, Instr Course Lect, 48:349-357; 1999


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