Wichtig ! Handball und Schulterverletzungen - das muss mann wissen ...

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Ein Service der Schultersprechstunde - Orthopädie, Klinikum Dortmund gGmbH


Handball

- Schulterverletzungen und Schultererkrankungen -



von: Dr. med. Roland Sistermann


Handball, Schulter

Inhalt:

1. Häufigkeit

2. Verletzungsarten

3. Die Rolle des Schulterblattes

4. Die Bedeutung der Schulterkapsel




1. Häufigkeit
Nach Fussballverletzungen und Traumen beim Skifahren folgen Verletzungen beim Handball mit etwa 7% aller Sportverletzungen in Deutschland an dritter Stelle. Man geht davon aus, dass etwa 2,5 Unfälle pro 1000 Stunden Handballspiel auftreten. Beim Handballtraining verunglücken eher die Amateurspieler. Verletzungen während des Spieles / Wettkampfes treten eher bei Profis auf. 40% aller Handballspieler hatten binnen der letzten 6 Monate Schmerzen und Probleme beim Training infolge einer Schultererkrankung / -verletzung. Je höher die Liga ist, in der gespielt wird desto schwerer sind in der Regel die Verletzungen. Die meisten Verletzungen treten während eines Offensivangriffes auf ( 2/3 d.F. ) und etwa 1/3 während der Verteidigung. Die Schulter-/ Armregion ist nach den Beinen am zweithäufigsten mit schätzungsweise 37% betroffen. Torwarte erleiden mehr Ellenbogen- und Werfer vermehrt Schulterverletzungen.



2. Verletzungsarten
Ein typisches Schulterproblem beim Handballspieler stellen Schulterinstabilitäten dar. Sie können akut als komplette Schulterausrenkungen auftreten. Handball ist eine klassische Risikosportart für Schulterausrenkungen. In der Regel renkt der Oberarmkopf nach vorne unten aus und dabei reißt die Knorpellippe an der Schulterpfanne ab. Man spricht von einer sog. TUBS Läsion ( englische Abkürzung für: traumatic, unilateral, Bankart lesion, surgery ).


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Ausrenkung der linken Schulter nach Griff in den Wurfarm bei Handball.



Je professioneller der Handball betrieben wird, desto eher gehören solche Schulterausrenkungen endoskopisch stabilisiert. Bei Profihandballern empfiehlt sich eine endoskopische Stabilisierung bereits nach der ersten Ausrenkung. Wie das funktioniert, können Sie hier nachlesen. Da Handball eine Kontaktsportart ist muss aber je nach individueller Situation auch über eine offene Stabilisierung nachgedacht werden.

Noch häufiger sind chronische Instabilitäten mit Teilausrenkungen infolge jahre- oder jahrezehntelangem Handballspiel. Durch ständige Mikrotraumen überdehnt die Schultergelenkkapsel und die Stabilisatoren wie die Knorpellippe am Pfannenrand brauchen auf. Folge sind Schnapphänomene in der Schulter, die meistens mit Schmerzen einhergehen. In solchen Fällen arbeitet man mit einem gezielten sportphysiotherapeutischem Muskelaufbauprogramm. Gelingt das nicht , führt man eine endoskopische / arthroskopische Stabilisierung durch.

Manche Menschen haben - als genetische Anlage - einen überdehnbaren Kapsel-/Bandapparat. Das kann ihnen durchaus Vorteile verschaffen, wie z.B. beim Turnen und ähnlichen Sportarten. Paart sich diese Erbanlage im Laufe des Lebens aber mit einem akuten Schultertrauma oder chronischen Überlastungen der Schulter durch eine Sportart wie dem Handball, neigen die Betroffenen deutlich eher zu sportbedingten Verletzungen / Erkrankungen der Schulter.

Kommt es beim Handball zu Knochenbrüchen ist nicht selten das Schlüsselbein betroffen.


Handball, Schulterverletzung


Nicht selten haben wir mit unklaren Schulterschmerzen bei solchen Sportlern zu tun. Recht häufig liegen dann Teilrisse der Rotatorenmanschette, SLAP Läsionen oder eine posterosuperiores Impingement vor. Die Zahl von Teilrissen an der Rotatorenmanschette, insbesondere gelenkseitig, scheint nicht gering zu sein. Jede Sportart belastet die Schultermuskulatur auf eine ganz spezielle Weise. Übt man den Handballsport über viele Jahre aus, sind bestimmte Anteile der Rotatorenmanschette sehr kräftig und andere Anteile eher unterbelastet / verschmächtigt. Der Sportmediziner spricht von einem "dynamischen Overload". In dieser Erstphase der Beschwerden muss frühzeitig reagiert werden, denn zu diesem Zeitpunkt sind die Probleme durch eine gezielte Sportphysiotherapie noch zu beseitigen. Anders verhält es sich, wenn die Probleme verschleppt werden - sei es durch den Sportler selbst, eine nicht ausreichende Therapie, oder anderen Ursachen. Es entsteht das sog. "statische Overload". Die Missbalance zwischen den Schultermuskeln hat dann zu einer permanenten Entzündung geführt, durch viele kleine Mikrotraumata ist der Kapsel- und Bandapparat der Schulter überdehnt. Je mehr der Kapsel-/Bandapparat gedehnt ist, desto mehr müssen wiederum die Muskeln - zur Stabilisierung - arbeiten. Betroffen sind dann in erster Linie die Außenrotatoren der Schulter. Je weiter dieses statische Overload fortgeschritten ist, desto eher entstehen Probleme wie das posterosuperiore Impingement oder auch eine Einklemmung zwischen Oberarmkopf und Schulterdach durch eine Instabilität der überdehnten Kapsel-/Bandstrukturen - das sog. "Instabilitätsimpingement". Ist das dynamische Overload eingetreten, bedeutet das für den Sportler und Arzt, dass die Situation nur noch operativ behoben werden kann.


SLAP 5, Riss, Läsion, Handball, Schulter

SLAP-5 Riss an der oberen Schulterpfannenlippe ( grüner Pfeil )
im Kernspintomogramm.



3. Die Rolle des Schulterblattes

Ein weiteres und wichtiges Konzept beim Handballsportler ( und auch bei anderen Überkopfsportlern ) stellt die "Sick Scapula" dar. Es handelt sich um ein krankhaft verändertes Laufverhalten des Schulterblattes. Das Schulterblatt spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Übertragung der kinetischen Energie ( z. B. bei einem Sprungwurf, o.ä.) von den Beinen, über den Rumpf in die Arme. Es ist wichtig, dass sich die Behandler das Schulterblatt ( Stellung, Laufverhalten ) ansehen und entsprechend - in der Phase des dynamischen Overload - therapieren.


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Kernspintomogramm linke Schulter, frontal: Deutlicher Schulterverschleiß ( gelber Pfeil ) und Gelenkerguss ( roter Pfeil ) - nach circa 20 Jahren Handball.



4. Die Bedeutung der Schulterkapsel
Der Vollständigkeit halber sei auf ein drittes wichtiges sportmedizinisches Konzept hingewiesen: die Verkürzung der hinteren, unteren Schulterkapsel. Durch ständige Wurfbewegungen ( die klassische Sportart, bei der das eine ganz wichtige Rolle spielt, ist der Baseball - mit wesentlich mehr Wurfbewegungen des Pitchers als beim Handballspieler ) verkürzt sich die hintere, untere Schulterkapsel, das Rotationszentrum der Schulter verlagert sich und es entstehen die sog. SLAP Läsionen an der oberen Pfannenlippe der Schulter. Parallel geht das mit einer Überdehnung der vorderen Kapselstruktutren an der Schulter einher. Hinten unten ist es zu kurz und vorne am Gelenk entsteht eine überdehnte Kapsel bis hin zur Instabilität. Der gesamte Bewegungsablauf an der Sportlerschulter läuft aus dem Ruder. Die SLAP Läsionen entstehen regelmäßig auch durch Stürze auf den ausgestreckten Arm, direkte Anprallverletzungen sowie Verletzungen durch Zug am Arm ( sog. Traktionsverletzungen ).


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Wissenschaftliche Literatur
1. Clarsen B, et al; Reduced glenohumeral rotation, external rotation weakness and scapular dyskinesis are risk factors for shoulder injuries among elite handball players: a prospective chort study, Br J Sports Med, 48(17):1327-1333, 2014
2. Fiesel G, et al, Range of motion and isometric strength of shoulder joints of team handball athletes during the playing season, Part II: changes after midseason, J Shoulder Elbow Surg, 24(3):391-398, 2015
3. Almeida GP, et al, Glenohumeral range of motion in handball players with and without throwing-related shoulder pain, J Shoulder Elbow Surg, 22(5):602-607, 2013


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